Artikel: Nachhaltigkeit – Was bedeutet es eigentlich wirklich?

Nachhaltigkeit – Was bedeutet es eigentlich wirklich?
Nachhaltigkeit ist eines dieser Worte, die sich gut anfühlen. Sie stehen auf Etiketten, in Instagram-Bio‘s und in so einigen Markenbeschreibungen. Nachhaltig klingt nach richtig, nach besser, nach „Ich mache es bewusster“. Aber genau hier beginnt das Problem: Wenn ein Wort alles bedeutet, bedeutet es am Ende oft gar nichts mehr. Denn nachhaltig zu konsumieren heißt nicht automatisch, die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Es heißt vor allem, bereit zu sein, hinzuschauen – auch dann, wenn es unbequem wird.
Wann ist Mode nachhaltig – und wann reden wir uns diese Geschichte nur ein?
Second Hand gilt zu Recht als eine der nachhaltigsten Optionen in der Mode. Kleidung bekommt ein zweites Leben, Ressourcen werden geschont, Überproduktion wird nicht weiter angeheizt.
Aber selbst hier lohnt es sich, ehrlich zu bleiben: Auch Second Hand ist nicht nachhaltig, wenn wir mehr kaufen, als wir tragen. Wenn wir aus Langeweile shoppen. Wenn Nachhaltigkeit zur Rechtfertigung für Konsum wird.
Nachhaltigkeit ist kein Status - sie ist ein Verhalten und auch das Verhalten darf sich irgendwann weiter entwickeln.
Fake Fur – ein gutes Beispiel für gute Absichten und blinde Flecken
Gerade zur aktuellen Winterzeit ist Fake Fur allgegenwärtig. Mäntel, Jacken, Krägen. Der Gedanke dahinter wirkt klar: Keine Tiere sollen für Mode leiden. Und das ist ein wichtiger, richtiger Impuls.
Aber wie oft fragen wir uns wirklich:
Woher kommt dieser Kunstpelz?
Wer hat ihn hergestellt – und zu welchen Bedingungen?
Welche Chemikalien wurden beim Färben verwendet?
Und was passiert mit dem Material, wenn es sich mit der Zeit zersetzt?
Kunstfell gilt oft als die bessere, weil tierfreundlichere Alternative. Was dabei leicht übersehen wird: Die Herstellung von Fake Fur ist komplex. Durch die Kombination aus Baumwoll- und Polyacrylgarn ist der Produktionsprozess aufwendig – und nicht immer so eindeutig, wie man denkt. Immer wieder finden sich in vermeintlichen Kunstfell-Pieces kleine Bestandteile aus Echtpelz. Auf den Etiketten tauchen sie dann eher unauffällig auf, etwa mit dem Hinweis „enthält nicht-textile Teile tierischen Ursprungs“ oder hinter schwer verständlichen Materialbezeichnungen.
Selbst wenn ein Piece komplett vegan ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es eine Wohltat für die Umwelt darstellt. Die Herstellung von Kunstfell benötigt viel Energie. Allein bei einem Kilogramm Acryl entstehen rund 35 Kilogramm CO₂. Dazu kommt ein weiterer Punkt, der selten thematisiert wird: Fake Fur verliert oft schneller seine Optik. Was heute noch voluminös und hochwertig wirkt, sieht nach kurzer Zeit abgenutzt aus – und wird entsprechend seltener getragen oder aussortiert. Die synthetischen Fasern selbst bleiben jedoch extrem lange bestehen. Bis sie sich vollständig zersetzen, können hunderte von Jahren vergehen.
Beim Waschen lösen sich Partikel, die in Flüsse und Meere gelangen. Tiere sterben nicht für den Mantel – aber andere Lebewesen zahlen trotzdem den Preis.
Das macht Fake Fur nicht automatisch „schlecht“, aber es macht ihn auch nicht automatisch nachhaltig.
Echtpelz, Vintage & Second Hand – warum die Debatte komplexer ist, als sie scheint
Spannend ist, dass echter Pelz heute oft in Vintage- oder Second-Hand-Kontexten gekauft wird. Manchmal bekommt man einen Pelz von der Oma vererbt, der Generationen und vielleicht sogar Kriege überlebt hat. Kein neues Tierleid, keine neue Produktion – sondern vorhandene Stücke, die weitergetragen werden.
Auch das ist natürlich kein Freifahrtschein, aber es zeigt: Nachhaltigkeit ist selten schwarz oder weiß. Sie lebt im Kontext, in der Nutzung, in der Frage, ob ein Kleidungsstück wirklich Teil unseres Lebens wird – oder nur ein kurzer Trendmoment oder ein Ego-Trip bleibt.
Nachhaltigkeit beginnt nicht im Warenkorb, sondern im Kleiderschrank
Vielleicht ist das der ehrlichste Gedanke von allen:
Nachhaltig ist nicht das Kleidungsstück. Nachhaltig ist die Beziehung, die wir zu ihm haben.
Wie oft trage ich es wirklich?
Passt es zu meinem Körper – jetzt, nicht in einer Version von mir, die vielleicht nie existiert?
Bleibt es, auch wenn Trends weiterziehen?
Nachhaltigkeit bedeutet nicht Perfektion. Sie bedeutet Bewusstsein. Und manchmal auch, die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen, ohne sich dafür zu verurteilen.
Unser Fazit bei BEYOND38
Wir glauben nicht an moralische Überlegenheit durch Mode.
Wir glauben an Ehrlichkeit, Reflexion und daran, dass bewusster Konsum Zeit braucht.
Nachhaltigkeit ist kein Ziel, das man erreicht – sondern ein Weg, auf dem man sich immer wieder neu orientiert. Und genau dafür wollen wir Raum schaffen. Ohne Schuldgefühle. Ohne Greenwashing. Aber mit offenen Augen.


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